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Theologie des Helfens

Theologie des Helfens (Dr. des. Anika Christina Albert)


Helfen ist ein allgemein menschliches Phänomen, das im Alltag spontan oder geplant praktiziert wird, akute Not lindern und wechselseitige Vorteile verschaffen, aber auch zu asymmetrischen Beziehungen führen kann. Gleichzeitig ist Helfen ein interdisziplinäres Phänomen, das von verschiedenen Wissenschaften analysiert, diskutiert und mitunter auch problematisiert wird – bis hin zur Konstatierung einer „Legitimitätskrise des Helfens“ (Gerd Theißen). Für Diakonie und Kirche ist Hilfehandeln gängige Praxis, die zumeist auf der Basis der Nächstenliebe spezifisch christlich begründet, darüber hinaus aber nur unzureichend theologisch reflektiert wird. Diese mangelnde theologische Würdigung ist umso erstaunlicher, weil Helfen eine zentrale Erwartung an Kirche darstellt, ihr eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung zuteil werden lässt und auch Gegenstand zahlreicher biblischer Überlieferungen ist.

 

 

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Aufgabe, eine theologische Theorie des Helfens zu entwickeln, die auch im interdisziplinären Diskurs sprachfähig ist. Ausgangspunkt hierfür ist ihre Verortung im Spannungsfeld zwischen allgemein menschlicher und spezifisch christlicher Ethik sowie eine Analyse von biblischen Kerntexten, die ein Verständnis von Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit nahe legen und eine grundsätzliche Deutungsoffenheit im Hinblick auf ein universales Hilfsethos aufweisen.

 

 

Hiervon ausgehend wird die Grundstruktur helfenden Handelns insgesamt als Gabe und Gegenseitigkeit bestimmt und aus psychologischer, soziologischer bzw. sozialwissenschaftlicher sowie biologischer Perspektive analysiert. In diesem Zusammenhang spielen auch genderspezifische Fragestellungen eine zentrale Rolle, die der Beobachtung Rechnung tragen, dass helfendes Handeln in der familiären und institutionellen Praxis in weiten Teilen weiblich geprägt ist. Darüber hinaus werden philosophische, phänomenologische und hermeneutische Zugänge zur Doppelfigur der Gabe und Gegenseitigkeit berücksichtigt, auf den Bereich helfenden Handelns angewendet und theologisch reflektiert.

 

Dabei wird Hilfehandeln als kommunikatives Geschehen angesehen, das insbesondere aus protestantischer Perspektive im Rechtfertigungsgeschehen gründet. In ihm finden sowohl die Fülle der göttlichen Gabe als auch die Begrenztheit der menschlichen Antwort ihren angemessenen Ausdruck, so dass zwischenmenschliches Helfen zum dynamischen Beziehungsgeschehen auf Augenhöhe wird, wobei alle Beteiligten Gebende und Empfangende zugleich sind. Damit wird nicht nur eine Überwindung zwischenmenschlicher Asymmetrien möglich, sondern es findet gleichzeitig eine angemessene Verhältnisbestimmung der zuvor im interdisziplinären Diskurs erörterten vermeintlichen Gegensätze von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, von Tausch und Unentgeltlichkeit, von Egoismus und Altruismus, von Funktions- und Bedürfnisorientierung im Lichte einer Ökonomie der Gabe statt.

 

 

Das „Mehr“ der Theologie im Verhältnis zu einer allgemeinen Ethik des Helfens liegt dabei nicht im Bereich dessen, was als ethisch gut oder moralisch geboten anzusehen ist, sondern in ihrem Meta-Charakter, der sich in eben dieser Ökonomie der Gabe ausdrückt. Somit wird Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit durch den Modus des Empfangens charakterisiert, was eine Integration menschlicher Schwächen und Grenzen ermöglicht, ohne diese als Defizite festzuschreiben. Sie sind vielmehr Voraussetzung für eine Wechselseitigkeit des Empfangens, die mit Wertschätzung verbunden ist und gleichermaßen zur Fürsorge wie zur Selbstachtung führt.

 

 

P1020549b Das Forschungsprojekt „Theologie des Helfens“ wurde mit Einreichung der Dissertation von Anika Christina  Albert unter dem Titel „Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit. Perspektiven einer Theologie des Helfens im interdisziplinären Diskurs“ im Juni 2009 abgeschlossen. Mit ihm wurde ein Desiderat aufgegriffen, das sowohl die Praxis von Diakonie und Kirche als auch deren wissenschaftliche Reflexion betrifft: Obwohl das soziale Hilfehandeln der Evangelischen Kirche in Deutschland in Gestalt ihrer Diakonie eine hohe Wertschätzung innerhalb der Kirche und darüber hinaus erfährt, gab es bislang keine Arbeiten zu einer theologisch fundierten Theorie des Helfens. Es handelt sich somit um die erste wissenschaftliche Arbeit zu dieser Grundfrage der Diakoniewissenschaft, die interdisziplinäre Aspekte fundiert darstellt und in ein schlüssiges theologisches Gesamtverständnis von Helfen integriert. Die Dissertation wurde in den beiden von Prof. Dr. Heinz Schmidt und Prof. Dr. Johannes Eurich verfassten Gutachten mit „summa cum laude“ bewertet. Die Publikation soll umgehend in der Reihe „Veröffentlichung des Diakoniewissenschaftlichen Instituts“ als Band 42 erfolgen. Hierfür werden noch Druckkostenzuschüsse benötigt.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 26.01.2012
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